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Seele, Geist und Häppchen - Positive Affirmationen, was sie können und was nicht

Aktualisiert: 4. Mai 2023

Zunächst einmal für alle, die nicht ständig in der Coaching Bubble unterwegs sind: Was sind überhaupt Affirmationen? Affirmation heißt einfach Bejahung. Und in der Coachingszene gibt es seit einiger Zeit den Trend, Affirmationen mitzugeben, Affirmationen aufzusprechen, einzusprechen für die Coachees und Klient:innen, die einem sagen: Ich liebe mich, ich bin genug, ich bin großartig, ich bin gut so, wie ich bin. Also alle möglichen Sätze, die dafür dienen, eine positive Haltung, eine selbstliebende Haltung zu sich selbst zu entwickeln, oder Erfolg anzuziehen, Liebe, Gesundheit etc. anzuziehen. Ich bin gesund, ich kann mich selbst heilen usw.. Also kurz gesagt: Positive Affirmationen sind die Sätze, die eigentlich jede:r gerne hört, dass er oder sie genug ist, dass er oder sie an der richtigen Stelle ist, dass er oder sie eine wertvolle Person ist. Wofür sind Affirmationen da? Wofür sind sie gut und wofür vielleicht nicht so gut?


Das sind Sätze, die Kinder sehr gerne hören, die natürlich jeder Mensch sehr gerne hört und die allen Menschen grundsätzlich gut tun. Es tut gut, wenn man die Überzeugung verinnerlicht hat, dass man genug ist. Wenn man die Überzeugung verinnerlicht hat, dass man wertvoll ist. Wenn man die Überzeugung verinnerlicht hat, eine großartige Person zu sein, die Überzeugung verinnerlicht hat, sich selbst heilen zu können, die Überzeugung verinnerlicht hat, Positives anziehen zu können, ein Wunder der Natur zu sein, großartig zu sein, Vertrauen in sich zu haben, genau richtig zu sein, sich genau zum richtigen Zeitpunkt öffnen zu können, stolz sein zu können auf alles, was man kann. Wenn wir diese Überzeugungen verinnerlichen, tut es uns gut. Und Affirmationen sind der Versuch, diese Überzeugungen von außen nach innen zu bringen, indem ich mir es nur oft genug vor sage, indem ich mich zum Beispiel jeden Tag vor den Spiegel stelle und mir sage: Ich bin toll, ich bin geliebt, ich bin genug. So viel dazu, was Affirmationen im Coachingkontext bedeuten.


Die Idee von den Affirmationen kommt daher, dass herausgefunden wurde, dass wir 60000 bis 80000 Gedanken am Tag haben und dass viele davon negativ sind. Also die neuesten Zahlen reden so von ca. 25 % negativen Gedanken am Tag, 3 % positiven und der Rest ist neutral. Und dieses Übergewicht von negativen Dingen kommt daher, dass unser Gehirn eine Fehler- und Gefahrensuchmaschine ist, die darauf gepolt ist, sofort festzustellen, wenn etwas unstimmig ist, weil wir so überlebt haben in unserer frühen Zeit in der Evolution. Und die Affirmationen sollen dafür dienen, diesen unbewussten negativen Gedanken etwas entgegenzusetzen und immer wieder bewusst zu machen, was man auch glauben möchte: dass man gut ist, dass man wertvoll ist etc.. Und so wie ich auch in dem Beitrag zu Denken, Fühlen, Handeln dargelegt habe, bestimmen unsere Gedanken unser Handeln und Fühlen. Unser Handeln steuert unser Denken und unsere Gefühle. Und so steuert unser Fühlen auch unser Handeln und Denken.

Und daher ist es ganz klar erstrebenswert, wenn wir unsere Fehlersuch-Haltung ersetzen durch eine positivere Grundhaltung und eine positivere Sicht auf uns selbst. Und dazu sollen die Affirmationen dienen, dass wir eher eine Haltung entwickeln, die uns dient und die uns weiterbringt und die uns wohlgesonnen ist. Und eine Haltung, mit der wir Sachen auf die Reihe kriegen. Eine Haltung, die uns gut tut. Affirmationen gehören insofern in den Bereich der Positiven Psychologie, denn es geht darum, stressresilienter zu werden, das eigene Leben lebenswerter zu gestalten mithilfe von diesen positiven Aussagen über sich selbst und über die eigene Haltung zur Welt. Und natürlich ist es eine erstrebenswerte Haltung: zu sagen, ich bin erfolgreich, bin wertvoll etc. Das ist allerdings nur dann eine erstrebenswerte Haltung, wenn es wirklich meine Haltung ist und wenn es wirklich meiner inneren Überzeugung entspricht.


Und das ist mein Punkt an dieser Stelle: Wenn ich mich einfach nur vor den Spiegel stelle und mir etwas erzähle, zum Beispiel, dass ich genug bin, dass ich wertvoll bin und es mir selbst nicht glaube, was passiert denn dann mit mir, wenn ich mir jeden Tag etwas erzähle, was ich mir selbst nicht glaube? Ich habe in dem Beitrag zum Hochstaplersyndrom über das Thema Selbst-Vertrauen gesprochen, also darüber, dass ich mir selbst vertrauen kann, dass ich zu dem stehe, was ich zu mir sage und dass ich das auch glaube, was ich zu mir sage. Dass ich mir selbst vertrauen kann. Und wenn ich mich jetzt die ganze Zeit vor den Spiegel stelle und die ganze Zeit eigentlich diese Schere im Kopf habe, das heißt diesen inneren Widerspruch: Ich sage mir, dass ich ja ganz toll bin, aber ich glaub es mir eigentlich nicht. Was glaubt ihr, macht das mit dem Selbst-Vertrauen? Wenn ich mich einmal oder fünf mal am Tag vor den Spiegel stelle und mir etwas erzähle, was ich mir selber nicht abnehme: Was, glaubt ihr, macht das mit dem Selbst-Vertrauen? Vertraue ich mir dann selbst noch? Was macht es mit mir, wenn ich mir selbst irgendwelche Sätze sage, von denen mir ein Coach gesagt hat, es sei eine gute Idee, mir das selbst zu sagen und ich es mir aber gar nicht abnehme? Da bin ich doch wieder an dem Punkt, dass ich mir selbst nicht vertraue. Das heißt, ich verschärfe eigentlich die Thematik, dass ich nicht an mich glaube. Weil ich es im Innern überhaupt nicht spüre, sondern nur wieder von außen etwas kommt, was mir etwas rein zementieren soll.



Das heißt: Was wir tun müssen, ist mit dem Unterbewusstsein zu arbeiten. Wir müssen mit dem Elefanten arbeiten und nicht nur mit dem Reiter auf dem Elefanten. Ich erkläre das kurz: Es gibt ein beliebtes Bild, das Unterbewusstsein als einen mächtigen Elefanten darstellt und das Bewusstsein als den Reiter des Elefanten. Wenn mein Unterbewusstsein eine bestimmte Richtung will, dann kann ich als Reiter, also mein Bewusstsein, noch so verlockende Angebote machen. Der Elefant, also das Unterbewusstsein, will dann eben woanders hin und tut das, worauf er Lust hat. Wenn ich jedoch ein positiveres Verhältnis zu mir selbst entwickeln möchte, wenn ich mir einreden möchte, dass ich eine tolle Persönlichkeit bin, dass ich an mich glaube, dass ich gut genug bin, dass alles richtig ist, wie es kommt, dann muss ich mit dem Elefanten sprechen, mit dem Unterbewusstsein. Ich muss den Elefanten erreichen und nicht nur von außen die Affirmationen auf mich wirken lassen. Ich muss dorthin gehen, wo diese negativen Glaubenssätze über mich zu finden sind, und das ist eben im Unterbewusstsein. Ich muss mit dem Elefanten reden und ihn überzeugen, sonst ändert sich die Grundrichtung nicht. Da kann ich als Reiter noch so sehr strampeln. Wenn ich den Elefanten nicht davon überzeugen kann, eine bestimmte Richtung einzuschlagen, werde ich immer wieder dahin gehen, wo der Elefant will. Und wenn der Elefant eine bestimmte Überzeugung hat, dann geht er dorthin.


Ich hoffe, es ist deutlich geworden, worauf ich hinaus will. Affirmationen sind eine gute Idee, um mein Denken auf Positives auszurichten. Aber wenn ich mir selbst nicht glaube, dann ist das keine so tolle Idee. Ich muss erst dahin kommen, dass ich mir selbst glauben kann. Und dafür brauche ich den Elefanten auf meiner Seite, mit im Boot. Gutes Coaching und gute Hypnosemethoden können helfen, den Elefanten mit ins Boot zu bekommen und wirklich das Innere zu überzeugen, das die meisten Entscheidungen trifft.


Ich bin keine Gegnerin von Affirmationen. Ich finde es nur wichtig, dass sie dort ankommen und dort wirken, wo sie sollen.





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