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Eine Ode an den Mittelfinger

Aktualisiert: 16. Aug. 2023

Der erste August ist der Tag des Mittelfingers. Der World Mittelfinger Day wurde auf Initiative eines britischen Rentners, der in Düsseldorf lebt, ins Leben gerufen. Sein Anliegen ist nach eigener Aussage, die Freiheit zu zelebrieren, die dahinter steht, den Mittelfinger zeigen zu können. Und er möchte den Protest feiern. Tatsächlich gibt es diesen Mittelfinger als Geste schon ganz lange. Angeblich war es im alten Griechenland schon eine Drohgebärde und auch im Lateinischen gibt es die Bezeichnung des Digitus Impudikus, das heißt der schamlose Finger oder der unzüchtige Finger.


Bei uns ist es meistens einfach eine Drohgebärde, eine Beleidigungsgeste, die vielfach schon verwendet wurde, in Deutschland wahrscheinlich einer der berühmtesten MIttelfinger 1994 von dem Fußballspieler Stefan Effenberg, der gegen deutsche Zuschauer den Stinkefinger zeigte. Diese Effenberg-Geste kam so zustande: Es war ein Spiel bei extremer Hitze. Deutschland war sogar in Führung, aber das Spiel lief nicht so. Einige deutsche Zuschauer haben dann "Effenberg raus" skandiert, um ihrem Unmut mit dem Spiel von Effenberg Luft zu machen. Und dann kam die Retoure durch Effenberg - der Mittelfinger gegenüber den eigenen Fans. Für Stefan Effenberg hieß das, dass er aus der Nationalmannschaft rausgeworfen wurde.


Ein anderer berühmter Mittelfingerzeiger ist Peer Steinbrück, damals SPD-Kanzlerkandidat. Er wurde relativ überstürzt 2012 als Herausforderer der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel ausgerufen und die Kandidatur lief nicht so toll. Er hatte Spitznamen bekommen wie Pannepeer, Problempeer, Peerlusconi und wurde im Foto-Interview "Sagen Sie jetzt nichts" mit dem Süddeutsche Zeitung Magazin auf diese Spitznamen angesprochen. Daraufhin zeigte er den Stinkefinger in die Kamera. Natürlich war das angesichts der anstehenden Wahl nicht so eine wunderbare Idee, weil es ja bei diesem Bild so gewirkt hat, als würde er dem Publikum den Stinkefinger entgegenhalten. Der Rest ist Geschichte.



Der Mittelfinger ist eine international sehr bekannte Beleidigungs- und Drohgeste. Der Mittelfinger ermöglicht es einem, den Frust auch auf eine Weise rauszulassen. Man muss ihn auch nicht immer offensiv zeigen. Der kann auch quasi innerlich oder in der Hosentasche oder am Lenkrad, ohne dass er in anderen gezeigt wird, für einen genutzt werden, sozusagen als das innerliche LMAA, das sagt: "Ich habe keinen Bock auf diese Konventionen, auf diese Zwänge. Ich habe keinen Bock auf das, was jetzt gerade passiert. Ich finde es nervig und ich habe auch keinen Bock, mich anzupassen und so zu tun, als fände ich das alles in Ordnung. Aber vielleicht habe ich gleichzeitig auch keinen Bock auf eine große Konfrontation." Und da ist dieser Mittelfinger eine befreiende Geste. Häufig erleben wir ja auch Frust über irgendwelche Dinge und Dingen können wir problemlos und ohne strafrechtliche Konsequenzen den Mittelfinger zeigen zu können.


Was auch toll ist am Mittelfinger im Gegensatz zu vielen Worten: Der Mittelfinger diskriminiert nicht. Der Mittelfinger kann gegenüber jedem eingesetzt werden, der es verdient in dem Moment aus Sicht des Mittelfingergebers oder -zeigers, unabhängig von Geschlecht, Alter, sozialem Status. Wie gesagt, aufpassen muss ich dann, wenn es in Richtung Straftatbestand gehen kann. Aber dieser Mittelfinger, mir geht es eher den inneren Mittelfinger, der kann innere Freiheit bedeuten. Und wir können uns auch auf den Mittelfinger verlassen. Er ist immer bei uns. Er ist zuverlässig. Und die Freiheit, die er uns schenkt, ist, dass wir auch wissen, wann wir ihn in der Tasche lassen sollten und wann wir ihn zeigen können. Wohldosiert verwendet kann er uns helfen, mit unseren Frustrationen umzugehen, ohne dabei unsere soziale Integrität zu gefährden. Der Mittelfinger hilft uns dabei, unsere Empfindungen zu artikulieren, diskriminierungsfrei und vollkommen kostenfrei. Und so kann er uns immer wieder auch eine kleine Erlösung schenken und kleinen, anarchischen, eigenständigen Ausdruck.


In diesem Sinne: Zum Tag des Mittelfingers lade ich euch herzlich ein, diese wunderbare Geste immer wieder mal zu verwenden und sei es nur im Geiste und sei es nur in der Hosentasche, damit ihr nicht belangt werden könnt, und diese wunderbare stinkende Geste auch für Sachen verwenden, die euch stinken und damit ein bisschen Frust, Ärger, Anspannung rauslassen. Das kann wirklich helfen.


Viel Spaß bei der Seelenhygiene mit dem Mittelfinger!



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